LARS STRANDH – die Farbe, die Linie, die "Rahmung", das Bild

„Ich habe die Malerei zu ihrem logi- schen Ende gebracht und drei Bil- der gezeigt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes. Ich habe dies in dem Wissen getan, dass alles vor- bei ist. Dies sind die Primärfarben. Jede Oberfläche ist bis zum Rand mit nur einer Farbe bedeckt. Jede Oberfläche ist eine bloße Ober- fläche und soll keine Repräsentation mehr sein.“1

Als Alexander Rodschenko 1918 seine monochromen Bilder schuf und sie kommentierte, war die Kunst der Moderne gerade geboren. Die Fenster waren weit aufgestoßen und die Künstler begannen erst die neu- en Möglichkeiten auszutesten und dabei zu den Nullpunkten der Kunst vorzustoßen. Ganz im Bewusstsein der Avantgarde, die sich für den lo- gischen und nicht mehr zu revidie- renden Endpunkt der Geschichte der Malerei hielt, glaubte auch Rod- schenko an einem Endpunkt – an einem „logischen Ende“ – angekom- men zu sein, von dem aus keine Ent- wicklung mehr möglich ist. Gott sei Dank irrte die Avantgarde hier ge- hörig und was sie für den Endpunkt hielt, war erst der Beginn einer fa- cettenreichen Entwicklung der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts.

Es ist das Verdienst der Moderne, die Frage nach dem Wesen eines Bildes elementar neu gestellt zu ha- ben – die Antwort, die die Künstler- generation von Rodschenko gab, war jedoch nur eine erste und vor- läufige. Wie man an den Werken des in Oslo lebenden schwedischen Malers Lars Strandh sehen kann, ist die Frage nach dem Wesen des Bil- des immer noch Gültigkeit und es entstehen auch immer noch interes- sante künstlerische Antworten dar- auf. Auffällig dabei ist die Subtilität der bildnerischen Sprache. Es ist nicht die totale Selbstgewissheit, mit der Rodschenko erklärte, das abso- lute Bild gemalt zu haben. Strandh entwickelt eine sehr vorsichtige, be- hutsame Monochromie. Aus vielen feinen horizontalen Linien baut er seine Bildfläche auf, die sich immer einer Farbe widmet. Und doch rela- tiviert er gleichzeitig diese Farbe, da sie sich – je näher man dem Bild kommt – in eine Vielzahl von unter- schiedlichen Nuancen dieser Farbe auflöst. Das Aufstellen einer Behaup- tung verbunden mit ihrer gleichzeiti- gen Relativierung scheint überhaupt das Wesen der Malerei von Lars Strandh auszumachen. Ja es ist eine monochrome Fläche, aber genau- genommen löst sie sich in eine poly- chrome Vielfalt auf. Ja es ist eine Farbfläche, aber genaugenommen löst sie sich in unzählige feine Linien auf. Und ja es ist ein monochromes Allover, aber welche Rolle spielt dann die mal mehr oder weniger auffällige „Rahmung“ bzw. der schmale nicht bemalte Rand? Hier scheint Strandh die Entwicklung der monochromen Malerei wieder ein Stück zurück zu nehmen. Seine Bild- oberflächen sind nicht wie Rod- schenko schrieb, „bis zum Rand mit einer Farbe bedeckt“. Er relativiert den Absolutheitsanspruch der Farbe nun auch dahingehend, dass er der Farbe wieder Grenzen setzt, ihr – wenn auch behutsam – eine Form gibt. Gleichzeitig erlauben es ihm diese „Ränder“ aus Einzelbildern durch eine bündige Hängung neue Bildkompositionen zu schaffen, wie er es schon in einzelnen Ausstellungen angedeutet hat. Der Bildbegriff wird damit erweitert, indem ein Einzel- bild problemlos zu einem additiven Bild erweitert werden kann.

Dr. Tobias Hoffmann Ingolstadt, 2012
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[1] Alexander Rodschenko: Über Kunst und Künstler, in: Kat. Ausst. Von der Malerei zum Design: russisch-konstruktivistische Kunst der Zwanziger Jahre, Galerie Gmurzynska, Köln 1981, S. 118.